Ausgewogene Krisenvorbereitung dank Risikoabschätzungen

Individuelle Krisenvorbereitung

Die Vielfalt möglicher Krisen und Katastrophen im heutigen Alltag ist überwältigend. Ob Umweltkatastrophen, Terrorattacken, Super-Staus oder die Konsequenzen des Klimawandels - jeder schätzt die Eintrittswahrscheinlichkeiten für ein spezifisches Unglück, aber auch dessen Ausmass und wie man sich darauf vorbereiten soll, anders ein. Das ist nicht weiter verwunderlich: Die geographische Lage (z.B. des Wohnorts, aber auch des Arbeitsortes), sowie das Vertrauen in die Behörden variieren von Region zu Region. Auch spielt das direkte Umfeld (wo befinden sich Freunde und Verwandte) und die individuellen Ängste und die Wahrnehmung von Bedrohungen eine grosse Rolle. Konsequenterweise macht es keinen Sinn, allgemeingültige Ratschläge für die Krisenvorbereitung abzugeben. Statements der Art "bereite Dich auf einen Erdrutsch vor" mögen vielleicht für Menschen in den Voralpen sinnvoll sein, für den Stadtmenschen aus Frankfurt stellt der Erdrutsch vermutlich aber nicht das grösste Risiko dar.

Gute Krisenvorbereitng beginnt mit einer möglichst objektiven Einschätzung der individuellen Situation. Das kann eine sehr grosse Hürde darstellen, deswegen zeigen wir Dir im Folgenden, wie wir an die Sache rangehen.

Methode um die relevanten Katastrophen zu identifizieren

Wir verwenden eine adaptierte Methode, welche im Ingenieurswesen häufig angwendet wird und ursprünglich aus der Raumfahrt stammt. Es handelt sich dabei um eine Einschätzung von drei Parametern die für jede Situation eingeschätzt wird. Es handelt sich dabei um die drei Faktoren:

  • Eintrittswahrscheinlichkeit - Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit das ein solches Ereignis eintritt?
  • Schweregrad - Wie stark wird dein Leben beeinflusst, wenn das Ereignis eintritt?
  • Entdeckungswahrscheinlichkeit - im technischen Bereich ist damit die Wahrscheinlichkeit gemeint, dass man dem allfälligen Fehlerfall während vorhandener Tests begegnet. Für die Krisenvorbereitung ist es sinnvoller, diesen Faktor als "Frühwarnung" oder Indikator zu definieren. Die Frage ist also, wie schnell und überraschend tritt die Katastrophe ein?

Selbstverständlich sind Notsituationen in der Regel nicht vorhersehbar - wenn ich aber in einem Erdbebengebiet wohne, weiss ich, dass es in ziemlich regelmässigen Abständen, wohl wieder ein Beben geben wird - ich habe also eine Indikation obwohl niemand genau sagen kann, wanns los geht.

Das Vorgehen ist nun wie folgt: Zunächst wird in einem Brainstorming eine Liste von möglichen Krisen und Katastrophen gesammelt. Wichtig bei diesem Schritt ist, dass keinerlei Bewertung der Situationen stattfindet. Anschliessend wird für jeden Punkt auf der Liste und die drei Faktoren Werte vergeben. Wir verwenden dafür folgende Tabelle:

WertEintrittwahrscheinlichkeitSchweregradIndikator
1sehr unwahrscheinlich (z.B. <0.001%)betrifft mich und meine Familie kaumvorhersehbar
2vermutlich nicht bekannt - Indikation vorhanden
3sehr selten (z.B. 0.001-0.1%)Beschränkter Bettroffenheitsgrad - wir spüren den Einfluss, müssen aber keine Angst habenkeinerlei Vorwarnung oder Anzeichen verfügbar
4
5selten (z.B. 0.1-5%)Erheblicher Einschnitt - mit dem wir aber nach einer Weile klarkommen werden
6
7tritt mit mässiger Wahrscheinlichkeit ein (z.B. 5-20%)Massiver Einschnitt - unser Alltag verändert sich drastisch
8
9
10tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein (>20%)Zusammenbruch der Gesellschaft - wir kämpfen ums nachte Überleben

Zu der Tabelle gibt es einige Bemerkungen: 1. Ich habe für meine Risikoabschätzung nicht sämtliche Zahlen verwendet - schlicht weil mir die Differenzierung sonst zu feingranular wäre. 2. Mit dem definieren dieser Wertungszahlen bestimme ich natürlich auch den Ausgang. Diese Gewichtung ist individuell - es gibt kein richtig und kein falsch. Du kannst Sie entsprechend für deine Abschätzung beliebig neu definieren.

Die Methode sieht nun vor, dass eine Kennzahl (Rating) durch Multiplikation der drei Bewertungen für sämtliche Krisenfälle ermittelt wird. Das entspricht einer relativen Risikoeinschätzung und gibt Dir die Möglichkeit, zu identifizieren, welche Katastrophen für Dich die relevantesten sind. Auf solche Krisen und Katastrophen solltest Du dich im Anschluss vorbereiten - sind das vorwiegend Krisen die mit tiefer Wahrscheinlichkeit eintreten, dafür aber fatale Konsequenzen nach sich ziehen? Oder beschäftigen dich eher Notfälle, die vermutlich realistischer sind, aber nicht einen extrem hohen Schweregrad nach sich ziehen.

Beispiel

Zur Veranschaulichung hier einige Ausschnitte meiner eigenen Risikoabschätzung: Insgesamt hat meine persönliche Liste potentieller Katastrophen und Krisen knapp 90 Einträge. Diese habe ich wie oben beschrieben, bewertet und nach Rating sortiert. Das Resultat sieht so aus:

NrKatastropheEintrittwahrscheinlichkeitSchweregradIndikatorRating
1Waldbrand 773147
2Atomkraftwerk Katastrophe 773147
3Kälteeinbruch 77298
4Stromausfall 77298
5Überschwemmung 77298
6Dürrekatastrophe 77298
7Erdrutsch 77298
8Bürgerkrieg 310390
9Autounfall 55375
10Arbeitslosigkeit 55375
...
45Genmanipulation 57135
46Alien-Invasion 110330
...
86Zika Seuche 15210
87Vulkanausbruch 1133

Die nach Rating sortierte Liste zeigt nun klar, welche Art von Krisen und Katastrophen für mein persönliches Umfeld relevant sind. In meinem Empfinden, geht die grösste Gefahr, vom nahen Wald aus oder vom Kernkraftwerk, welches keine 10 km entfernt fleissig Elektrizität erzeugt. Eine weitere Gruppe (Nummern 3-7) sind in Bezug auf allfällige Klimaveränderungen zu verstehen. Auch alltägliche Krisen, wie einen Autounfall oder Arbeitslosigkeit sind ein grösseres Thema, wofür ich mir nun geeignete Massnahmen überlegen kann. Nicht relevant sind zum momentanen Zeitpunkt Seuchen (Zika), oder aufgrund der Distanz, Vulkanausbrüche. Interessant ist ausserdem, dass futuristische oder sehr unrealistische Katastrophen (z.B. die Alien-Invasion) etwa im Mittelfeld aufzufinden sind. Ursache dafür ist natürlich, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit zwar sehr niedrig ist, der Schweregrad aber massiv wäre.

Als nächster Schritte ziehe ich eine Linie bei der Nummer 10 und identifiziere für jeden Punkt gewisse Massnahmen: So können wir uns mit Feuermeldern und Löschmöglichkeiten ausstatten um die grösse Katastrophe solide vorzubereiten. Wir können uns einen Notvorrat und unabhängige Wärmeversorgung für eine bestimmte Zeit anlegen um Kälteeinbrüche, Stromunterbrüche und Überschwemmungen zu überbrücken. Das Auto wird mit einem erste Hilfe-Set, einem kleinen Feuerlöscher, Decken und etwas Trinkwasser ausgestattet - nicht nur um uns selbst zu helfen, sondern auch um zu unterstützen, wenn wir Zeugen eines Unfalls werden sollten.

Fazit

Mit diesem simplen Prinzip kann sich jeder innerhalb von einer halben Stunde einen Überblick über die relevantesten Katastrophen machen und direkt dazu mögliche Massnahmen definieren. Natürlich kann es sein, dass mehrere Krisen mit einer Vorbereitungs-Massnahme abgedeckt werden können. So ist zum Beispiel ein Notvorrat bestimmt für mehrere Notsituationen sinnvoll. Hier nochmal das Rezept um schnell und effizient zu einer sinnvollen Risikoabschätzung gelangen kannst:

  1. Erstelle eine Liste von Krisen und Katastrophen - am besten aus einem Brainstorming.
  2. Definiere eine Gewichtung in dem Du die Wertungen für die Eintrittswahrscheinlichkeit, den Schweregrad und den Indikator bestimmst.
  3. Bewerte jeden deiner Listeneinträge mit Wertungen für die drei Faktoren und berechne die Kennzahl "Rating".
  4. Sortiere deine Liste nach Rating - die höchste Zahl zuerst.
  5. Definiere deine Massnahmen um die relevantesten Krisen (d.h. die mit den höchsten Kennzahlen) besser abzudecken. Grenze dich dabei bewusst ab - definiere vorab ab welchem Eintrag keine Massnahme notwendig ist.
  6. Bewerte deine Listeneinträge erneut unter Berücksichtigung der Massnahmen aus Punkt 5.
  7. Wiederhole Schritte 3-6 bis Du mit deiner Krisenvorbereitung zufrieden bist.